Sonntag, 28. August 2016

Fischländer Abend am Strand

Besonders am Spätnachmittag und Abend ist das Fischländer Licht so bezaubernd und spektakulär, dass man sich kaum sattsehen kann. Seht selbst - ganz ohne Worte...

Eine Dreiviertelstunde am Strand, und das Herz ist voller Staunen.































Samstag, 23. Juli 2016

Fischland-Spuren

Vielleicht hat es sich schon rumgesprochen - auf dem Fischland ist es nicht nur bezaubernd schön, sondern auch ... relativ gefährlich. ;-) Dauernd passieren Morde und andere seltsame Verbrechen - nur gut, dass Paul und Kassandra regelmäßig dafür sorgen, dass diese Dinge aufgeklärt werden.

* * * * *

Heute war Pauls Geburtstag, der ziemlich großartig begann. Kassandra weckte ihn ausgesprochen liebevoll. Normalerweise wäre er aufgestanden, um auf dem Hohen Ufer seine Kilometer zu laufen, diesen Tag jedoch begann er anders, wenn er auch nicht weniger Kalorien dabei verbrauchte... Nach dem Frühstück packten sie ein paar Sachen zusammen, um die nächsten Stunden am Strand zu verbringen.



Gegen Mittag wurde Kassandra unruhig, sie wollte nicht mehr länger im Strandkorb sitzen, sondern lieber ein paar Schritte gehen. Paul hätte nichts dagegen gehabt, noch ein bisschen in Ruhe auf die See zu schauen - aber daraus wurde nichts, denn Kassandra hatte sich kaum ein paar Meter entfernt, als er sie entsetzt nach ihm rufen hörte. "Paul! Ein Toter!"


Alles sah so harmlos aus, als hätte der Mann sich nur mal eben ein bisschen in den Sand legen wollen - aber er starrte mit leerem Blick in den blauen Himmel. "Herzinfarkt? Oder Gift im Wasser oder der Thermoskanne?", fragte Kassandra. Paul schüttelte den Kopf, nachdem er den Toten umrundet hatte. "Beides nein. Erstochen, würde ich sagen." Er deutete auf die Wunde in der Seite des Unbekannten. Von dort führte eine Blutspur weiter in Richtung Hohes Ufer. Als über ihnen eine Möwe kreischte, fuhr Kassandra zusammen. "Die wirkt so erschrocken, als hätte sie den Mord gesehen."


"Und das Hohe Ufer war wohl auch Zeuge", sagte Paul etwas sarkastisch und deutete in die Ferne.


 "Wir sollten die Polizei rufen", stellte Kassandra fest, gerade als Heinz auf sie zutrat, anscheinend soeben zurückgekehrt von einem langen Spaziergang. "Kannst du das übernehmen?", bat sie ihren Onkel, "und hier auf sie warten? Paul und ich sehen uns mal um, ob wir was Verdächtiges finden." Heinz nickte. "War ja klar. Wahrscheinlich habt ihr den Täter gefasst, bevor die Polizei eintrifft." "Optimist", murmelte Paul, der sich in Bewegung setzte, um der Blutspur zu folgen. Etwa fünfzig Meter weiter hörte die Spur auf. Dafür stießen sie auf etwas Bemerkenswertes. "Wahrscheinlich die Mordwaffe - sauber abgewischt. Ziemlich makaberer Sinn für Humor", fand Paul.


"Ob die Anordnung was zu bedeuten hat?", fragte Kassandra. "Gekreuzte Löffel, das Messer zeigt nach oben..." Paul hob den Blick. "Das ist bestimmt kein Zufall", sagte er und zeigte auf etwas Seltsames über ihnen auf dem Hohen Ufer.


"Wir sollten uns das näher ansehen", sagte Kassandra. Hier war es unmöglich, direkt aufs Steilufer zu klettern, sodass sie ein Stück weiter zur Treppe laufen mussten. Womöglich war das sogar vom Täter vorhergesehen worden, dachte Paul, es schien fast, als ließe er absichtlich Spuren für sie zurück. Einen Stein, der Ähnlichkeit aufwies mit einem Totenkopf ...


... und sogar einen bleichen Knochen.


Endlich erreichten sie die Treppe. Oben angekommen, warfen sie noch einmal einen Blick zurück. Die Aussicht von hier war großartig, und vielleicht sahen sie etwas, das ihnen unten entgangen war.




Aber da war nichts Auffälliges mehr, so dass sie ihren Weg zu dem Grab fortsetzten und kurz darauf davor standen.



"Wirklich äußerst seltsam", sagte Paul. "Und die Botschaft hinter dem Kreuz - fast schon philosophisch."


 "Möglicherweise liegt was unter den Steinen des Grabes", meinte Kassandra. Sie begannen, die Steine abzutragen, bis sie schließlich auf einen sehr kleinen, aber doch prägnanten Gegenstand stießen.



"Will uns jemand sagen, dass wir es mit einer Herzensangelegenheit zu tun haben?", fragte Kassandra. "Frauen sind immer so romantisch veranlagt", schmunzelte Paul. "Durchaus möglich. Aber wohin führt uns das als Nächstes?" Kassandra dachte einen Augenblick lang nach, kam offensichtlich auf einen Gedanken, sprach ihn aber nicht gleich aus. "Na, was?", fragte Paul. "Red schon!" "Ist vielleicht etwas weit hergeholt, aber ich war doch gestern auf dem Friedhof zum Fotografieren, und da lag auf einem Grab auch ein Herz, eines aus Stein. Zufall?" "Du weißt doch, ich halte es wie Kay: Ich mag keine Zufälle", sagte Paul. "Erinnerst du dich, wessen Grab das war?" Kassandra schüttelte den Kopf. "Aber ich weiß genau, wo es liegt." Paul drehte sich um. "Dann lass uns gehen." 
Von hier bis zum Friedhof war es ein ganzes Stück zu laufen. Dort führte Kassandra Paul direkt zu ihrem Ziel.



Paul beugte sich hinab, um auf dem Grabstein die Inschrift zu lesen, die schon moosbewachsen und kaum noch zu entziffern war. "Heinrich Kant, 1899-1967 - Möge er in Frieden ruhen." "Sagt dir das was?", fragte Kassandra. "Du weiß doch immer alles übers Fischland und die Fischländer." "Kant war Bildhauer", erklärte Paul. "Sein Enkel ist Maler, er stellt gerade in der Kunstscheune aus. Noch so ein Zufall, der mir zu zufällig ist." Er zeigte über die Friedhofsmauer in Richtung Barnstorf, das dunstig in der Ferne lag.



"Also auf zur Kunstscheune", sagte Kassandra. Als sie dort ankamen, war die Scheune geschlossen, nur der Garten blühte in voller Pracht.



"Was jetzt? Sollen wir Gerlinde bitten, für uns zu öffnen?" Gerlinde Meerbusch leitete die Galerie, machte aber offenbar gerade Pause. "Warten wir damit noch", sagte Paul. "Sehen wir uns erst etwas um." Er streifte ohne Ergebnis durch den Garten, doch als er mit Kassandra zusammen an der Scheune entlanging, lehnte dort ein auffälliges Gemälde - die Farben waren unnatürlich, alles leuchtete viel zu sehr und schien von einer Art Aura umgeben.



"Ist das von Heinrich Kants Enkel?", fragte Kassandra. Paul schüttelte den Kopf. "Nein. Der malt nicht ganz so ... plakativ." "Was für ein Hinweis soll das sein? Dass wir wieder zum Strand zurückmüssen? Zu den Wellenbrechern? Das hieße ja, wir laufen im Kreis." "Ja, ein bisschen unbefriedigend", meinte Paul. Er nahm das Bild hoch, dabei drehte er es um. "Hier steht was. Hör mal: 'Nicht immer ist alles, wie es scheint. Ein Schnüffler ist gefragt.' Sagte ich schon, dass ich den Täter für einen Menschen mit makaberem Humor halte?" "Allerdings. Was meint er mit Schnüffler?" Sie hatte kaum ausgesprochen, als sie vom Weg aus eine Stimme nach ihnen rufen hörte. "Hallo, Frau Voß, Herr Freese, wollen Sie zu Gerlinde?" Sie drehten sich um und sahen sich mit Hildegard Herrmann und ihrem Cockerspaniel konfrontriert, der es sich neben ihr gemütlich gemacht hatte. "Ein Schnüffler", sagte Kassandra leise.


"Eigentlich nicht", antwortete Paul auf Hildegard Herrmanns Frage. "Würden Sie uns Ihren Moritz ausleihen? Ich glaube, wir benötigen die Dienste eines Fährtensuchers." Hildegard Herrmann hob die Brauen. "Dann ist an den Gerüchten also was dran, dass man einen Toten am Strand gefunden hat? Ja, natürlich, nehmen Sie Moritz nur mit - wenn sie gut auf ihn aufpassen." Paul und Kassandra versprachen, das zu tun, und ließen Moritz an dem Gemälde schnuppern. Er bellte kurz und setzte sich dann sofort in Richtung Hafen in Bewegung, wo der Täter eine Menge für das menschliche Auge unsichtbare Spuren hinterlassen hatte. Besonders laut bellte Moritz, als das Rettungsboot "Barsch" in Sicht kam, das ausnahmsweise an diesem Tag im Fischländer Hafen lag.


"Die Seenotstation?", fragte Kassandra. "Will der Täter, dass wir uns da umsehen?" "Ja, vielleicht. Aber wir sind hier noch nicht fertig, lassen wir Moritz noch ein bisschen weiterschnüffeln." Paul hatte buchstäblich den richtigen Riecher gehabt, denn als sie sich am Ende des Stegs dem Rettungsring näherten, konnte Moritz sich gar nicht mehr beruhigen.



"Der Ring. Damit muss was sein." Paul begann, ihn genauer unter die Lupe zu nehmen. "Ich glaube eher, es ist die grüne Leine", widersprach Kassandra. "Sieh mal, er will sie dauernd zu fassen kriegen und beißt sie fast durch." Aber so sehr sie auch suchten, sie fanden nichts Ungewöhnliches daran. "Wo ist noch so eine Leine?", fragte Kassandra. "Vielleicht ist es das, was der Täter uns sagen will." "In der Nähe der Seebrücke", sagte Paul. "Auf dem Weg kommen wir an der Seenotstation vorbei, die sollten wir uns im Hinblick auf die 'Barsch' auch ansehen."



Wie im Hafen fing Moritz wieder zu bellen an. Er sprang an den roten Backsteinen direkt zwischen den beiden Toren empor. Paul musste nicht nach oben sehen, er wusste auch so, dass dort die Hausnummer angbracht war.



"48? Was soll das bedeuten?", fragte Kassandra. "Keine Ahnung, aber wir sollten es im Hinterkopf behalten. Gehen wir erst mal weiter zur Seebrücke", meinte Paul. Dort standen sie fünf Minuten später neben der Sandsteinfigur des vierköpfigen Slawengottes Swantewit, eines grausamen Gottes, der jedes Jahr ein Menschenopfer gefordert hatte. Sollte das einen Bezug zu ihrem gegenwärtigen Fall haben?, fragte sich Paul.


 Doch er kam nicht dazu, diese Frage laut zu stellen, weil Kassandra ihn anstubste und auf die Terrasse des Restaurants zeigte, das sich nach dem alten Gott benannt hatte. Dort sprach Kay gerade mit einer Bedienung. Er bemerkte Paul und Kassandra und winkte sie zu sich herüber. "Ihr könnt auch nicht anders, als immer wieder über eine Leiche zu stolpern und arme Polizisten wie mich dauerzubeschäftigen, was?", flachste er, dann deutete auf den Tisch vor ihnen. "Hier hat der Mann vor etwa anderthalb Stunden gesessen. Glücklicherweise ist noch niemand dazu gekommen abzuräumen, da gibt es reichlich DNS - der Tote hatte leider keine Papiere bei sich."

  
"Habt ihr denn schon irgendwas in Erfahrung bringen können?", fragte er dann. "Jemand legt offenbar viel Wert darauf, uns durch ganz Wustrow zu jagen", stellte Paul fest. "Nächste Station: Richtung Seebrücke. Wir sagen Bescheid, wenn wir was finden." Kay nickte und wandte sich wieder der Bedienung zu, während Paul und Kassandra die Terrasse verließen und Paul den Weg zum DLRG-Rettungshäuschen einschlug. "Hat Kay nicht eigentlich Urlaub?", fragte er, als sie außer Hörweite waren. Kassandra lachte. "Glaubst du im Ernst, er macht Urlaub, wenn wir, wie er es ausdrückt, über eine Leiche stolpern?" Paul erwiderte das Lachen. "Da ist was dran." Er wurde ernst, als sie am Strandaufgang neben dem Rettungshäuschen ankamen. "Hier haben wir eine ganz ähnliche Leine wie die am Hafen. Und das da an den Haken muss nicht überall Rost, es könnte auch ... Blut dabei sein."


Kassandra ließ ihren Blick nach weiteren Hinweisen umherschweifen und entdeckte vorn am Strand ein Boot mit zwei dunkel gekleideten Männern. "Paul", flüsterte sie, obwohl sie viel zu weit weg waren, als dass sie hätten gehört werden können. Paul wandte seine Aufmerkeit dem Strand zu und sah, wie einer der Männer ihm scheinbar zuwinkte und dabei etwas aus dem Boot in den Sand warf. Er sprintete los, Kassandra in seinem Rücken, doch der Sand sowohl auf dem Strandübergang als auch zwischen den Strandkörben bremste seine Geschwindigkeit. Als er an der See ankam, sah er nur noch, wie das Boot in wahnwitziger Geschwindigkeit davonraste.



Auch Heinz, der offenbar immer noch am Strand ausgeharrt und dieselben Beobachtungen gemacht hatte wie sie, kam heran. "Hat die Polizei den Toten schon mitgenommen?", fragte Paul und versuchte, unter der Seebrücke hindurch die Stelle zu finden, wo er gelegen hatte - soweit er erkennen konnte, sah da hinten alles normal aus, kein großes Polizeiaufgebot. "Das ging aber schnell." Heinz zuckte mit den Schultern. "Der Pathologe meinte, er könnte doch erst auf seinem Tisch Genaueres feststellen." Paul runzelte die Stirn. Merkwürdig. Dann bückte er sich, um aufzuheben, was der Unbekannte auf den Sand geworfen hatte: ein Foto. 


"Die Villa von Seefahrtschuldirektor Schütz", wunderte sich Paul. "Was soll das nun wieder?" "Finden wir nur in der Parkstraße raus, schätze ich", sagte Kassandra. "Das ist jedenfalls eine ziemlich verrückte Schnitzeljagd, meinst du nicht?" "Hm", machte Paul, dabei sah er, wie Heinz' linke Braue  in die Höhe rutschte, während er gleichzeitig irgendwie belustigt wirkte. "Wenn ihr nichts dagegen habt, komme ich mit", sagte Heinz. "Vielleicht ist Herr Dietrich auch interessiert." Tatsächlich war Kay sehr dafür, so dass sie bald darauf zu viert in der Parkstraße standen, aber an der Villa des ehemaligen Direktors nichts fanden - ebenso wenig wie Moritz, der nicht einmal "Wuff" machte. "Da war doch noch was", erinnerte sich Kassandra. "Die Nr. 48 an der Seenotstation. Sehen wir mal, was es hier mit der Hausnummer auf sich hat." Doch dort war ebenfalls nichts zu finden. Paul bemerkte, dass Kay und Kassandra einen Blick wechselten, aber bevor er nachhaken konnte, deutete Kay auf die ehemalige Telefonzellte, die heute Wustrows Büchertauschkiste war.


"Wenn es stimmt, dass unser Mann dir einen Hinweis nach dem anderen liefert", wandte Kay sich an ihn, "solltest du vielleicht da mal gucken, Herr Schriftsteller." "Mir?", fragte Paul etwas irritiert. "Ich dachte, uns." Dabei sah er Kassandra an, die es offenbar Mühe kostete, sich ein Lächeln zu verkneifen. "Jetzt geh schon nachsehen", sagte sie. Paul öffnete die Telefonzelle und fand auf Augenhöhe in einer Lücke im Bücherregal ein liebevoll eingewickeltes Geschenk. Darauf lag eine Karte, die er aufklappte. "Alles Gute zum Geburtstag!", stand da. Er drehte sich um. Heinz und Kay grinsten von einem Ohr zum anderen. Kassandra lächelte jetzt wirklich. "Pack aus. Ist dein neuestes Abenteuer." Paul nahm das Päckchen und entfernte vorsichtig das mit Schiffen und Ankern bedruckte Papier. Als das Buch zum Vorschein kam, lachte er laut auf. Er war noch niemals so hereingelegt worden. Und er liebte sie alle dafür.